Von Luft und Liebe

von Helge Thomas

Jetzt gerade haben Sie es getan. Und jetzt schon wieder. Ein und aus. Und ein und aus. Sie atmen. Gänzlich unbewusst. Und überall auf der Welt kostenlos. Noch hat sich kein Konzern den Zugang gesichert, wie es Nestlé beim Wasser schon länger versucht und immer öfter tut. Wir konsumieren einen der wertvollsten Rohstoffe dieser Erde und bezahlen dafür nichts. Dabei könnte man als Eigentümer der Luft ganz schön Umsatz machen. Denn die Zufuhr von Luft und damit Sauerstoff ist für unseren Organismus lebensnotwendig. Eine abhängige Zielgruppe von mehr als 7 Milliarden Menschen. Oh Mann, hoffentlich liest das hier keiner der gierigen Manager.

„All I need is the air that I breath“ The Hollies

Das, was wir Luft nennen, besteht zu ca. 20% aus Sauerstoff, der wiederum fast ausschließlich von Pflanzen produziert wird. Ich erspare Ihnen die chemischen bzw. biologischen Details, weil ich sie größtenteils selbst nicht verstehe. Fakt ist: Luft ist eines der vielen „Produkte“, die wir (meist unbewusst) konsumieren und dafür nichts bezahlen müssen.

Sie steigen morgens in den Bus oder in die Bahn und suchen sich einen Platz. Ihr Blick schweift durch den Wagen und trifft sich mit dem Blick eines wildfremden Menschen. Sie schauen sich in die Augen. Der andere Mensch lächelt Sie an. Und in Ihrem Körper wird dieser unerwartete „Konsum“ direkt verarbeitet. Endorphine machen sich auf den Weg, Ihr Herz schlägt ein paar Takte schneller und die Analytiker in Ihrem Hirn versuchen zu ergründen, was zu diesem Lächeln geführt hat. Doch es ist zu spät. Das Herz hat gewonnen, Sie lächeln zurück und zwei Menschen starten ein wenig fröhlicher in den Tag. Auch für diesen „Konsum“ wird Ihnen nichts berechnet.

Das Wort Konsum stammt, wie so viele unserer Worte, aus dem Lateinischen und bedeutet im Original (consumere), also einfach nur „verbrauchen“. Darin wiederum steckt zum einen das „Brauchen“ und zum anderen die Verwertung. Darin wiederum findet sich der „Wert“. Wenn wir konsumieren muss es also etwas sein, das wir brauchen und das gleichzeitig einen Wert für uns hat, den wir verwerten können. Wer mag mir widersprechen, dass wir alle Luft und Glück brauchen. Auch wenn uns der Wert dieser beiden Lebenselixiere im täglichen Tun oft kaum bewusst ist. Meist merken es wir es erst, wenn uns jemand darauf hinweist. Wenn der Kollege morgens bemerkt „Du siehst aber heute glücklich aus“ oder wenn Sie der Yogalehrer mit seiner sonoren Stimme auffordert „Atmen Sie jetzt gaaaaanz tief ein…“.

Beim Nachdenken über diesen Artikel fielen mir noch viele weitere dieser kostenlosen „Produkte“ ein, die wir meist unbewusst - in jedem Fall aber kostenlos - „konsumieren“.

„Here comes the sun“ The Beatles

Das Sonnenlicht zum Beispiel. Ebenfalls mit einer ordentlich chemisch-biologischen Wirkung auf unseren Körper und dadurch auf unser Befinden. Sämtliche Erinnerungen in unserem Kopf, die schönen und leider auch die schlechten. Jede Berührung, egal mit wem oder was - vom Katzenstreicheln über den Sand unter unseren nackten Füssen bis hin zur Blume - die wir auf der Wiese pflücken. Das Erblicken einer Wolke, die uns an ein Tier erinnert, ein Spaziergang durch Wald, Wiesen, Berge oder am Meer entlang. Sofern es sich nicht um einige Strände an der deutschen Nordseeküste handelt, ist der Zugang zum oder der Spaziergang am Meer weltweit komplett kostenlos.

Was mir auch klar wurde ist, dass wir in der Regel so sehr in Gedanken bei etwas anderem sind, dass uns der Wert eines Moments beziehungsweise der „Konsum“ dieser wunderbaren kostenlosen „Produkte“ gar nicht bewusst ist. Klingt esoterisch? Nein, gar nicht. Konsum hat einfach nicht nur mit dem gleichnamigen Terror zu tun. Alle unsere Sinneswahrnehmungen verursachen eine Art Konsum. Es geht nicht nur um Geld, Überfluss und Dinge, die wir eigentlich nicht brauchen oder die wir anderen (zu) teuer verkaufen. Konsum ist ein recht natürlicher Vorgang, der täglich und oft unbewusst passiert und wesentlich vielfältiger ist, als wir denken.

„My love don’t cost a thing“ Jennifer Lopez

Schließen möchte ich meinen kleinen Artikel über den unbewussten Konsum kostenloser Dinge mit der Liebe widmen. Eines der letzten unerklärlichen Phänomene unserer Existenz. Diese „Macht“, die dafür sorgt, dass zwei Menschen miteinander leben wollen. Dabei ist es gar keine (dritte) Macht, die uns verführt. Es ist auch wieder das Verwerten eines „Produktes“, das der eine „sendet“ und der jeweils andere „konsumiert“. Und umgekehrt. Es fühlt sich einfach großartig an, es fühlt sich so richtig an. Es verleitet uns, verrückte Dinge zu tun, die wir sonst nie getan hätten. Außer dem Verstand kostet die Liebe aber nichts. Und Liebe passiert unbewusst und wir haben weder Einfluss darauf, wann es uns erwischt noch können wir die Intensität steuern.

„Give a little love, take a little love“ Bay City Rollers

Worauf wir allerdings Einfluss haben, ist alles in Balance zu halten. Aber kann man tatsächlich von Luft und Liebe leben? Wer weiß. Konsum heißt auf jeden Fall nicht nur, sich Dinge mit Geld zu kaufen. Es geht im Leben wie in der gesamten Natur immer um ein viel ganzheitlicheres Geben und Nehmen. „Give & Take“ steht auf meinen Karma Classics, die ich als Prosument gleichzeitig produziert und konsumiert habe. „Give a little love, take a little love“ sangen die Bay City Rollers in den 1970ern. Zufall? Wohl kaum. Mit diesem Gedanken und einem Ohrwurm (so Sie das Lied kennen) lasse ich Sie nun alleine weiter nachdenken, was Sie so täglich „konsumieren“. Vielleicht ohne es zu bemerken und ohne nur einen Cent dafür zu bezahlen.

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