Lass mich, ich will das jetzt essen!

von Romina Becher

Man muss über Essen eigentlich überhaupt nichts mehr wissen. Hauptsache, man konsumiert es. Es ist für uns selbstverständlich geworden, dass auf einer Tüte Milch ultrahocherhitzt, pasteurisiert und homogenisiert steht. Ohne zu wissen, was das eigentlich bedeutet. Der Hinweis „nur mit natürlichen Aromastoffen“ gilt mittlerweile als gesund und Fleisch ist immer noch das Stück Lebenskraft. Hin und wieder ploppt ein Lebensmittel-Skandälchen hoch, irgendetwas mit Glyphosat oder geschredderten Küken, aber zum Glück beruhigt sich alles schnell wieder. In diesen verrückten Zeiten von Paleo-Diäten und Veganismus weiß man ja eh nicht mehr, was jetzt noch gesund ist und was nicht. Also ist es doch eh egal, was ich da esse. Lasst mich doch einfach!

Dass die Wörter „lassen“ und „einfach“ häufig zusammen geäußert werden, ist sicherlich kein Zufall. Etwas bleiben zu lassen, es einfach zuzulassen, etwas zu verlassen – das ist oft einfach. Etwas hingegen zu hinterfragen, konsequent zu bleiben, Nein zu sagen oder bis zum Schluss Beistand zu leisten. Das ist nicht immer einfach. Und genau darum geht es mir bei dem Begriff „Konsum“ – nichts ist heutzutage einfacher geworden, als einfach nur zu konsumieren. Einfach zu kaufen, ohne sich Gedanken zu machen, woher, wofür und zu welchem Preis. Die überfüllten Supermarktregale suggerieren einem das Gefühl des Überflusses. Wir sind eines der Länder, welches am wenigsten Geld für Lebensmittel ausgibt und gleichzeitig die größten Mengen an Lebensmitteln wegwirft. Was für mich in völligem Widerspruch zu unserem Bildungsniveau steht. Eines der höchsten weltweit. Dennoch setzen sich nur die wenigsten mit dem Thema auseinander, dass uns doch täglich am Leben hält: Lebensmittel. Nahrung. Ernährung.

Ich hatte das Glück in einem Umfeld aufzuwachsen, indem es noch Hausschlachtung gab und man sein Gemüse noch selbst anbaute. Ich wusste, dass Stallhasen irgendwann als Braten endeten und die hübschen Kartoffelkäfer eine ganze Kartoffelernte zu Nichte machen konnten. Es erschreckt mich, wenn ich sehe, wie sich die Nahrungsmittelindustrie mittlerweile entwickelt hat. Sie hat es geschafft, Produkte zu erzeugen, die über keinerlei biochemische Wertigkeit mehr verfügen. Tote Materie, wenn man so will. Und wir kaufen sie. Konsumieren sie. Wir wurden von bewussten Verbrauchern zu blinden Konsumenten. Hippokrates sagte einmal: „Lass die Nahrung dein Heilmittel sein“. Im Moment ist sie jedoch in vielen Fällen das Gegenteil geworden. Sie macht krank. Nicht nur die Welt, vor allem uns. Dabei ist es gar nicht so schwierig, sich wieder etwas Gutes zu tun. Etwas Gesundes. Starten wir doch einfach mal den Versuch. Vier kleine Anregungen für ein bewussteres und gesünderes Konsumverhalten:

 

1. Gesunder Menschenverstand

Zugegeben, ich arbeite im Marketing. Ich weiß genau, wie man mit betörenden Wortspielereien selbst den letzten S***** glamourös präsentieren kann. Und genau deswegen habe ich auch eine gesunde Grundskepsis gegenüber Werbeversprechungen. Wenn es draufsteht, ist es oftmals eben nicht mehr drin. Zum Beispiel der „Smoothie-Hype“. Was für eine märchenhafte Vorstellung, die tägliche 5-mal-Obst-&-Gemüse-Portion mit dem Trinken einer einzigen Flasche abdecken zu können! Ohne die Küche mit Mixer oder Pürrierstab zu verwüsten. ABER: damit diese kommerziellen Frucht-Püree-Säfte über Tage hinweg haltbar bleiben, werden sie (mindestens) ultrahocherhitzt. Allerdings wird dabei ein Großteil relevanter Vitamine, wie bspw. Vitamin C, bei hohen Temperaturen zerstört. Am Ende bleibt eine süße Zucker-Fruktose-Pampe, die unseren Blutzuckerspiegel erst nach oben und dann wieder nach unten knallen lässt. Das gleiche gilt für kommerziell hergestelltes Brot. Wer sich an die guten alten Zeiten noch erinnern kann, weiß, dass ein Laib Brot nach spätestens drei Tagen steinhart wird oder je nach Lagerung schimmelt. Was muss also in diesen abgepackten Backwaren alles enthalten sein (bspw. Feuchthaltemittel und Konservierungsstoffe), damit sie über Tage und Wochen hinweg haltbar bleiben?

2. Einfach natürlich

Der beste Lehrmeister und Indikator für gesunde Lebensmittel ist nach wie vor die Natur. Je mehr ein Lebensmittelprodukt von seinem natürlichen Urzustand entfernt ist, desto ungesünder ist es. Zum Beispiel Haselnüsse. Im natürlichen Zustand sind sie reich an ungesättigten Fettsäuren und Vitamin E. Werden sie geröstet, verabschiedet sich schon einmal ein Großteil der ungesättigten Fettsäuren. Zermahlen, mit billigem Palmöl und Zucker zersetzt machen sie sich in der Nutellawerbung großartig. Für unsere Gesundheit tun sie dann hingegen schon nichts mehr. Gleiches gilt für jegliche industriell verarbeiteten und fermentierten Produkte. Ein Vollkornbrot in dem noch einzelne Körner erkennbar sind, hat eine andere Wertigkeit wie totes Weißmehlbaguette. Und zum Thema „Nudeln machen glücklich“ – die geliebten Hartweizenspaghetti haben in etwa den gleichen Nährstoffgehalt wie die Kartonverpackung von Cornflakes. Im Gegensatz zu Naturreis, der in eben dieser Ursprungsform noch über viele wichtige Makronährstoffe verfügt.

3. Fleisch ist kein Stück Lebenskraft

Nein. Wir brauchen kein Fleisch. Vielleicht für unseren daran gewöhnten Geschmack. Aber aus rein ernährungswissenschaftlicher Sicht brauchen wir kein Fleisch. Was wir brauchen ist Eiweiss. Aber von den 21 verschiedenen Aminosäuren, die wir benötigen, liefern Fleischprodukte (sowie Milchprodukte) gerade einmal drei verschiedene. Nicht zu vergleichen mit pflanzlichen Eiweißquellen, die nahezu alle verschiedenen Aminosäuren liefern können. Zudem übersäuern tierische Eiweißquellen enorm, während pflanzliche Eiweißquellen einen wichtigen basischen Beitrag leisten. Und noch etwas zur These, ohne Eiweiß können wir nicht groß und stark werden: Muttermilch enthält max. 3 % Eiweiß. Ein 80 Kilogramm schwerer Gorilla isst sein Leben lang nur Früchte und Nüsse. Und auch wenn in der Evolution der Menschheitsgeschichte ein paar Jahrhunderte vergangen sind, allein von unserem Verdauungstrakt und Gebiss her sind wir immer noch mehr beim Affen als beim Tiger.

4. Finger weg von Zucker

Es gibt über 50 verschiedene Bezeichnungen für industriell gefertigten Zucker. So kann er in fast allen Lebensmitteln versteckt werden. Und damit meine ich nicht nur den Süsskram. Nein, in Brot, Tomatensoßen und selbst salzigen Chips wird er mittlerweile von der Industrie hinzugefügt. Zucker macht die Produkte für uns schmackhaft und Zucker macht die Produkte haltbarer. Je länger sie haltbarer sind, desto länger sind sie verkäuflich. Zudem haben Studien ergeben, dass sich Zuckerkonsumenten ähnlich wie Drogenabhängige verhalten. Sie sind demzufolge acht mal schlimmer dran als Kokainabhängige.

Aber vom Drogenkonsum wieder zurück zum Essenskonsum. Weniger vom Falschen und mehr vom Richtigen gilt auch hier als goldene Regel für ein gesundes Mittelmaß. Und gerade in Sachen Lebensmittelproduktion ist Wissen wie so oft Macht. Meiner Meinung nach muss man sich in der heutigen Zeit mehr denn je mit dem Thema Ernährung und Lebensmittelproduktion befassen. Wenn Pharma-, Werbe- und Lebensmittelindustrie Hand in Hand arbeiten, können wir es uns aus Gründer der eigenen Gesundheit nicht mehr leisten, weiterhin blind zu konsumieren.

 

Achja, was sich in diesem Zusammenhang wirklich sinnvoll konsumieren lässt:

Mein persönlicher Geheimtipp

Zum Thema Weizennudeln machen glücklich

Für Milchbubis (und Mädchen)

Und die Zuckerjunkies

 

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