Das Leben üben

von Stefanie Dieterich

„Wenn zu viel los ist, lass etwas weg.“ Dieser Satz einer Freundin hallt in mir nach, steigt immer wieder in meinem Bewusstsein nach oben. Und dockt an einem Gefühl an, das mich schon lange begleitet: Eine Art Ohnmacht angesichts unzähliger Möglichkeiten, die mich umgeben. Es gibt einfach so viel. Von allem. Wo anfangen, wo aufhören?

So knapp der Satz, so kraftvoll sein Inhalt. Etwas weglassen. Das bedeutet auch die Fokussierung auf das Verbleibende. Da drängt sich fast schon das geflügelte Wort „weniger ist mehr“ auf. Aber stimmt das auch wirklich (für mich)? Ich möchte es herausfinden. Nach ein wenig Recherche steht fest: der Herausforderung einer Minimalismus Challenge stelle ich mich.

Wertvolle Inspiration finde ich in verschiedenen Blogs, wie beispielsweise solittletime.de, thisisjanewayne,de und minime.life. Dort gibt es schon fertige Monatsprogramme, aber ich finde nicht alles für mich passend und im normalen (Arbeits-)Alltag umsetzbar. So stelle ich mir einfach Aufgaben für 31 Tage selbst zusammen. Und da ich spielerische Komponenten liebe ist die Reihenfolge nicht fix. Alle Aufgaben wandern in eine Box und jeden Morgen ziehe ich eine daraus, die ich dann 24 Stunden lang beachte.

Als ich einem lieben Kollegen davon erzähle sagt er spontan: Ach so, du übst das Leben. Welch ein schöner Gedanke! Ja, es darf unbedingt Einfluss auf mein Leben haben. Welchen und wie es mir dabei geht, das zeigen diese Schritte.

 

Los geht´s: Mittwoch, 5. Juli  Dienstag, 4. Juli

Ich habe geschummelt. Gleich am Anfang. Eigentlich wollte ich erst morgen mit der Challenge beginnen.

ABER: Heute musste das Auto in die Werkstatt und ich zurück an den Schreibtisch. Klar, mit Bus oder Bahn ist das ja kein Problem. Doch dann fiel mir eine der 31 Aufgaben ein: Lasse dein Auto für eine Strecke stehen. Gut, das musste ich notgedrungen. Und so entschloss ich mich nach Hause zu laufen. Erst entlang der Hauptstraße mit ihrer morgendlichen Betriebsamkeit, weiter durch ein Wohngebiet, in dem Nachbarn ein Schwätzchen halten und überall Gartenpflege betrieben wird. Und dann der erhöhte Weg zwischen den Ortsteilen: Obstbäume, Blumen am Wegesrand, Vogelgezwitscher. Die Sonne scheint. Was für ein herrlicher Start in den Tag. Und der Wunsch nach baldiger Wiederholung – spätestens Ende des Monats, wenn die Brombeeren reif sind. Denn davon gab´s auf dem Weg jede Menge. Das Auto muss dafür nicht in die Werkstatt. Das schaff ich auch so.

Donerstag, 6. Juli

Es ist halb sieben. Ich bin noch ziemlich verschlafen aber die Neugier siegt. Insgeheim hoffe ich auf eine leichte Aufgabe. Und siehe da: Heute verschwinden alle Apps vom Handy, die ich nicht benutze. Das klingt machbar. Ist es auch. Inzwischen sitze ich deutlich fitter am Schreibtisch und habe insgesamt 27 Apps gefunden, die ich wirklich nicht brauche. Bei einigen musste ich sogar erst einmal reinschauen, was man damit überhaupt anstellen kann. Das sagt wohl schon alles.

Samstag, 8. Juli

Topf sucht Deckel, Fisch sucht Fahrrad, Socke1 sucht Socke2. Ab heute hat die Suche ein Ende. Denn alle Socken, die schon lange auf ihren Partner warten, werden aussortiert. Kaum hab ich alle „Singles“ aus den Schubladen geholt, haben sich doch ein paar lang vermisste Paare wieder gefunden. Wie schön! Doch der Rest muss nun wirklich gehen.

Mittwoch, 12. Juli

Heute spare ich negative Gedanken. Ich stolpere über die Formulierung. Sparen? So wie Geld auf einem Konto? Vielleicht sogar noch mit Zinsen? Äh nö, das will ich nicht. Also er-spare ich mir heute negative Gedanken. Tja, wenn das so einfach wäre. Das Denken kann man ja nicht so leicht abstellen. Jeder, der das erste Mal versucht zu meditieren weiß, wovon ich spreche. Deshalb schaue ich sie mir heute einfach mal genauer an, meine negativen Gedanken. Wann habe ich welche? Woher kommen sie? Brauche ich sie? Oder kann ich sie einfach ziehen lassen?

Samstag, 15. Juli

Ich habe mein Handy zu oft in der Hand. Viel zu oft. Das weiß ich, sage es mir immer wieder und tu (fast) nichts dagegen. Dank der heutigen Aufgabe - Die nächsten 24 Stunden ohne Facebook & Co. - gibt es in diese Richtung also wieder einen neuen Impuls. Er kommt gerade recht, denn wir sind heute zum rauschenden Hochzeitsfest eingeladen und ich freue mich schon seit Wochen darauf. Nicht nur auf das Feiern sondern vor allem auch auf das Reden. Von Mensch zu Mensch, ganz in echt und mit Zeit. Das kommt in meinem Leben momentan leider viel zu kurz.
PS: Der Ort der Hochzeit hat sein Übriges getan: Mitten im Nirgendwo auf einem Berg. Ohne Empfang. Nullkommanull.

Sonntag, 16. Juli

Heute wird das Sonntagsgeschirr genutzt. Ein Sonntagsgeschirr zu haben ist das Gegenteil von Minimalismus. Das ist mir klar. Aber es ist ein Erbstück meiner Großeltern und ich freue mich immer, wenn ich es in der Vitrine stehen sehe. Die Aufgabe von heute erinnert mich jedoch daran, es einfach mehr Sonntag sein zu lassen, egal ob der Kalender Mittwoch oder Donnerstag anzeigt. Das Geschirr zu nutzen und nicht im Schrank verstauben zu lassen. Und somit irgendwie meine Großeltern regelmäßig an unserem Tisch zu Gast zu haben.

Montag, 17. Juli

Heute wird das Adressbuch auf dem Handy bereinigt. 327 Kontakte sind in meinem Adressbuch gespeichert. 327 Menschen, die mit mir in irgendeiner Beziehung stehen. Viele Beziehungen sind alltäglich oder schon lange verinnerlicht. Beim Durchblättern dieser schauen mir die Traurigkeit und das schlechte Gewissen über die Schulter. Ich sollte, müsste, möchte mich mal wieder melden...

Und dann gibt es Kontakte, da stutze ich. Denn der Name ist mir fremd oder nicht eindeutig zuzuordnen. Und so klicke ich mich durch die Kontakte. Für jeden gelöschten schreibe ich eine Nachricht an einen erhaltenen. In Beziehung bleiben.... auch eine schöne (Lebens)aufgabe.

Donnerstag, 20. Juli

Ich mache heute eine Sache zu Ende und beginne dann mit der nächsten. Normalerweise bin ich stolz auf meine Fähigkeit zum Multitasking. Das ist doch so praktisch – mehrere Dinge zeitgleich tun und das Gefühl haben, es läuft. Aber das tut es eben nicht immer. Ich verliere den Faden, werde hektisch oder bekomm keines der angefangenen Dinge fertig. Das macht nicht glücklich. Macht mich nicht glücklich.

Von daher begrüße ich die heutige Aufgabe sehr. So setze ich mich an den Rechner, liste kurz alle anstehenden Aufgaben für heute auf und mach mich konzentriert an die Arbeit. Ja, ich habe wirklich das Gefühl, dass allein die Entscheidung, eine Sache zu Ende zu bringen bevor ich eine neue anfange, mein Konzentrationsfähigkeit steigen lässt. Am Ende des Arbeitstags kann ich tatsächlich alle meine To Dos abhaken. Für mich steht fest – ich möchte nun öfter bewusst Monotasking machen.

Montag, 24. Juli

Geldbeutel und Handtasche ausmisten. Vor kurzem habe ich den Spruch „Wenn ich etwas nie wiedersehen möchte, stecke ich es in meine Handtasche“ gelesen und innerlich zustimmend genickt. Heute dürfen also all diese verloren geglaubten Dinge wieder zum Vorschein kommen. Aber wenn es doch nur eine Handtasche wäre.... und wenn diese Tasche auch nur mir gehören würde. Seit unser Sohn auf der Welt ist, trage ich auch noch Kekse, Bilderbücher, eine biegsame Kindersonnenbrille, Feuchttücher und so einiges mehr mit mir rum. Ich glaube es ist Zeit für eine Tasche-in-Tasche-Lösung. Das wird mir klar, als ich den gesamten Inhalt vor mir ausgebreitet habe.

Und im Geldbeutel finde ich jede Menge Kassenzettel. Der älteste ist vom April. Echt jetzt? Dabei war ich mir so sicher doch erst vor kurzem aussortiert zu haben. Nun zeigt mir also auch noch mein Geldbeutel, wie schnell die Zeit vergeht.

Mittwoch, 26. Juli

Heute Vormittag bekomme ich Besuch, auf den ich mich sehr freue. Schnell hüpfe ich noch zum Bäcker, um uns ein paar Leckereien zum Kaffee zu besorgen. Wieder zu Hause ziehe ich die heutige Aufgabe aus meiner Box. Ich lache laut auf, denn da steht: Keine Snacks vom Bäcker etc. für eine Woche. Und meine Tasche ist randvoll mit gefüllten Bäckertüten. Also kann ich heute nochmals in Ruhe genießen und ab morgen dann diese Herausforderung annehmen. Gesagt getan. Ich habe die Aufgabe übrigens geschafft und stelle fest, dass ich mich jetzt öfter frage, ob ich jetzt wirklich diesen Snack brauche – oder eben doch nicht.

Dienstag, 1. August

Heute traue ich mich, etwas Neues auszuprobieren. Es gibt etwas, das ich schon lange ausprobieren wollte. Mut braucht es dafür nicht, sondern eigentlich nur einen Anstoß dafür. Und der ist jetzt da. Ich suche in meinem Bastelschrank nach Holzperlen und finde ein Handvoll rot-glänzender. Davon stecke ich 10 in meine linke Hosentasche. Das war´s erst einmal. Jetzt heißt es warten und achtsam sein. Warten auf die Glücksmomente des Tages. Denn die werde ich heute mithilfe der Perlen zählen. Für jedes Glück, das ich spüre, wandert eine Perle von der linken in die rechte Hosentasche. Und am Ende des Tages kann ich dann mein Glück zählen.

Die Inspiration dafür habe ich aus einer Geschichte, die es in vielfältigen Versionen gibt. Eine davon ist hier nachzulesen.

Samstag, 5. August

Tadaaa! Heute ist er da – Tag 31 von 31 meiner Challenge. Den letzten Zettel nehme ich fast andächtig aus der Box, die leer zurück bleibt. Die heutige Aufgabe lautet: 5 Dinge, die uns nicht mehr glücklich machen, verschwinden aus unserer Wohnung. Als erstes ändere ich die Aufgabe ab und beziehe sie nur auf mich. Denn mein Mann ist übers Wochenende weggefahren und ich mag nicht entscheiden, was ihn nicht mehr glücklich macht. Ich laufe durch die Wohnung und suche nach den entsprechenden Dingen. Irgendwie hängt mein Herz an allem, das ich sehe. Mal mehr mal weniger, aber wirklich trennen mag ich mich nicht. Verflixt, was tun?

Nach ein paar Stunden komme ich vom Einkauf auf dem Wochenmarkt wieder. Es gibt schon Dahlien und ich habe mir einen riesigen Strauß davon gegönnt. Als ich den Schrank mit den Vasen öffne stehen sie da in Reih und Glied: eine Ansammlung von Nicht-Mehr-Glücklichmachern. Schnell sind fünf Exemplare aus dem Schrank geräumt und erst Mal beiseite gestellt. Denn einfach Wegwerfen mag ich die Vasen nicht. Sie sind ja noch gut und können in einem anderen Zuhause vielleicht einen Platz bekommen. Am selben Abend nimmt eine Freundin noch eine mit zu sich. Und zwei bunte Keramikvasen werden auf dem Polterabend von Freunden zu Glücksscherben. So schließt sich der Kreis des Glücklichmachens.

Und meine 31 Tage Challenge hat einen gebührenden Abschluss erhalten.

 

Danach

Nun sind also 31 Tage um und meine Challenge ist beendet. „Und wie war´s?“ werde ich gefragt. Das ist gar nicht so leicht in Worte zu fassen, aber ich will es natürlich versuchen. Die 31 Aufgaben waren sehr unterschiedlich in jeglicher Hinsicht. Ich vergleiche sie mit Türen, die man einen Spalt öffnet, reinlinst und erahnt, was sich dahinter für ein Leben verbirgt. Es war spannend mich selbst zu beobachten, wie jede einzelne Aufgabe auf mich wirkt. Da waren Türen, zu denen ich erst einmal nicht wieder zurückkehren werde. Vielleicht ändert sich das irgendwann einmal, aber zum jetzigen Zeitpunkt erscheinen sie mir nicht wichtig für mein Leben zu sein.

Andere Türen haben mir große Freude gemacht und ich werde dann und wann daran wieder anklopfen – oder mit der Tür ins Haus fallen. Und dann sind da Türen, die mich richtig zum Nachdenken angeregt und meine eigene Verhaltensweise infrage gestellt haben. Das sind Türen, zu denen ich zurückkehren und den Schritt über die Türschwelle wagen möchte.

Die Aufgaben, die hinter diesen Türen stecken, sind meist die, die auf eine längere Zeit angelegt waren. Ich fand es im Rahmen der Challenge schwer, sie alle zeitgleich zu beachten und danach zu handeln. Aber genau diese Erfahrung bestätigt mir einmal mehr, dass es gar nicht so einfach ist, sich und seine Gewohnheiten zu verändern. Dafür braucht es Zeit, Willen und den richtigen Fokus. Da will ich es in Zukunft minimalistischer halten: einen Impuls aufnehmen und über einen längeren Zeitpunkt, vielleicht drei, vier Wochen berücksichtigen. Ich denke so hat er die Chance, wirklich geübt zu werden und sich somit in meinem Leben zu etablieren.

Denn wie sagt man so schön: Übung macht den Meister. Und das Leben ist bekanntlich der beste (Lehr-)Meister.

Eins mag ich noch sagen: Ich hab Gefallen an dieser Form von Challenge gefunden. Wer weiß, vielleicht lest ihr ja davon in einer der kommenden HERZWERT-Ausgaben.

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